Gemächlich bewegt sich der Sekundenzeiger über das Zifferblatt meiner Uhr. Er ist wie eine Tür zwischen Zukunft und Vergangenheit. Jeder Sekunde, die er streift, gleitet hindurch und vergeht für immer. Ich habe gewartet, aber sie kehren nie zurück. In meinem Leben kann ich wohl meine Sekunden nur einmal leben. Das hat mir schon immer Angst gemacht, denn ich kann den Fluss nicht anhalten und zu stark ist er, als dass ich dagegen anschwimmen könnte.
So viele Menschen kennen eben diese Angst. Einige verschließen die Augen vor der Zeit, denn was man nicht sieht ist nicht da, denken sie. Sie lassen sich treiben und wenn sie die Augen wieder öffnen, blendet das Licht sie, sodass sie nicht erkennen, welches Land vor ihnen liegt. Angst lässt sie die Augen fest zukneifen und wenn sie sie wieder öffnen, ist ihr schlimmster Alptraum Wirklichkeit geworden. Ihr Leben ist vorbei.
Es gibt immer ein Opfer. Und dann gibt es noch die Täter.
Wir bemitleiden das Opfer, denn ihm wurde Unrecht angetan. Das Opfer kann nichts dafür.
Aber die Täter, sie hätten etwas ändern können, verhindern, dass das Opfer zum Opfer wird.
Aber was, wenn es nicht so einfach ist?
Ich war total hacke, total dicht. Bin einfach nur noch dort eingepennt, wo ich gerade war. Auf dem Sofa, das auf dem Dachboden steht. Die anderen waren schon alle weg oder sind dann gegangen.Nur David ist geblieben. Meinte irgendwas davon, er müsse mich wärmen. Mir war eh alles egal, ich wollte nur schlafen.
Dann hat er angefangen mich anzufassen und zu küssen. Erst habe ich den Kopf weggedreht, aber irgendwie hat er es anscheinend doch geschafft. Ich weiß, ich hätte ihm auf die Zunge beißen sollen oder irgendetwas. Aber dazu war ich einfach zu weit weg. Die ganze Zeit hatte ich die passive Rolle, nichts ging von mir aus. Ich habe sogar gezeigt, dass ich das nicht wollte, so weit es mir möglich war.
Ich erinnere mich nicht mehr wirklich daran, wie er mich ausgezogen hat, nur noch, dass ich auf einmal nichts mehr anhatte.
Und mindestens 1 Millionen Mal habe ich ihren Namen gesagt. Die ganze Zeit. "Lea", habe ich gesagt. "Was ist mit Lea? David, du hast eine Freundin. Lea." Aber er hat nicht mal darauf geantwortet, einfach weiter gemacht. Ich wollte nicht, dass er Lea betrügt, denn ich möchte selber nicht betrogen werden. Aber mehr konnte ich an Verteidigung einfach nicht aufbringen, ich war zu weit weg.
Wie eine Puppe lag ich da. Passiv, passiv, passiv.
Bis er sich ausgezogen hat. Dann habe ich es geschafft, ihn irgendwie von mir runter zu bekommen. Was garnicht so einfach war, da er viel schwerer ist und mehr Kraft hat als ich. Nicht, dass er mich festgehalten hätte, aber Worte haben nicht gereicht, um ihn zu stoppen, und mehr hatte ich nicht. "David, hör auf", habe ich gesagt. Aber meine einzige Waffe war nutzlos.
Als ich mich endlich befreit hatte, habe ich mich schnell wieder angezogen.
Auf meinen Rat hin hat er es seiner Freundin gesagt. Er hat gesagt, dass wir uns geküsst hätten.
Lügen.
Er hat mich geküsst. Und dabei hat er es nicht belassen. Aber gut, das Prinzip ist dasselbe. Ich werde nur mich selbst verteidigen, denn am Wochenende möchte sie mit mir reden.
Bestimmt will sie gerne glauben, dass diese blöde Schlampe die Schuld trägt, damit David nicht der Böse sein muss. Leider hat der mich halb vergewaltigt, also muss ich sie leider enttäuschen. Denn dieses Mal gibt es nicht ein Opfer und einen Täter, sondern zwei Opfer und nur einen, der diese Situation wirklich hätte verhindern können. Ich habe wirklich alles in meiner Macht stehende dafür getan.
Ich habe den Kopf weggedreht, als er mich küssen wollte, aber irgendwie hat er es doch geschafft. Ich habe ihn an Lea erinnert, aber er hat einfach weiter gemacht. Ich hatte die passive Rolle, alles ging von ihm aus. Und in meiner Verteidigung bin ich so aktiv geworden, wie es mir möglich war, dicht wie ich eben war. Ich war diejenige, die die Situation beendet hat.