Mittwoch, 3. Oktober 2012

12 - zu alt, um geliebt zu werden

In meinem Leben wollte ich immer eins - groß sein. Ich wollte alles können, alles sein, vor allem aber besonders. Ich wollte die sein, die angesehen wird, von einem Scheinwerfer angestrahlt, auf der Bühne. Bewundert wollte ich werden, von der Menge, die zu mir aufblickte.
Jetzt liege ich zusammengezogen auf meinem Bett. Den Kopf in mein Kissen gedrückt, mache ich mich ganz klein. Vielleicht verschwinde ich ja endlich. Einen Unterschied würde das auch nicht mehr machen. Schließlich bin ich allein. Da ist niemand, der zur mir aufschaut, noch nicht mal jemand, der auf mich herabblickt. Da ist einfach überhaupt niemand. Der meine Tränen sehen, sie wegwischen und mich in den Arm nehmen könnte, versichernd, dass irgendwann alles wieder gut wird. Alle sind weg, ohne ein Wort. Keine Ahnung wohin.
Und dann kann ich sie nicht mehr zurückdrängen, die Erinnerung befreit sich, bevor ich sie zurück in die verstaubte Kiste unter meinem Bett stopfen kann. Und ich bin wieder zwölf.

Ich sitze, in eine Decke gewickelt, über "Tintenherz" gebeugt, auf meinem Bett und lese, schon seit Stunden. Mama habe ich schon lange gute Nacht gesagt, dann ist sie zu den anderen in die Wohung unten gegangen. Sie denkt, ich würde schon lange schlafen. Aber das Buch ist so spannend, ich muss einfach weiterlesen.
Außerdem wird Mama es sowieso nicht merken. Sie kommt nicht mehr in mein Zimmer, setzt sich zu mir aufs Bett, gibt mir einen Gutenachtkuss, wartet bis ich eingeschlafen bin, redet mit mir. Ich bin jetzt schon so groß, dass ich mich selber ins Bett bringen soll. Alt genug. 
Wie kann ich zu alt sein, um geliebt zu werden?
Ich befreie mich aus meiner Decke, lege das Buch zur Seite und schleiche in die Küche. Ich bilde mir gerne ein, es könnte jemand von unten herauf kommen und mich entdecken, wie ich die Cornflakes, Zucker, Milch, eine kleine Schüssel, einen Löffel und die Schokolade in mein Zimmer trage. Aber nie kommt jemand, um nach mir zu sehen. Ich bin doch so verantwortungsbewusst.
Ich stelle alles auf meinen Nachttisch und setze mich wieder aufs Bett. Dann fülle ich das Schüsselchen mit Cornflakes, bis sie randvoll ist und die ersten von ihnen herausfallen. Ich sammle sie auf und stecke sie in den Mund. Dann nehme ich den Zucker, öffne die Dose, in der er sich befindet und lasse ihren Inhalt zu den Cornflakes rieseln. Ein kleiner Zuckerberg erhebt sich über den Rand der Schüssel und versinkt langsam in den Zwischenräumen der Flakes. Milch, als nächstes die Milch. Ich mache das Schüsselchen so voll, dass ich es nicht mehr bewegen kann, ohne seinen Inhalt zu verschütten. 
Als ich mein Festmahl fertig zubereitet habe, esse ich. Obwohl, essen ist nicht ganz richtig. Ich schlinge, schlürfe, schlucke ohne zu kauen und innerhalb von wenigen Augenblicken ist alles leer. Noch ein Schüsselchen voll. Mehr Zucker. Zucker ist besonders wichtig. Nur wegen des Zuckers esse ich doch die Cornflakes mit Milch. Nur der Zucker ist wichtig. 
Dann mache ich mich über die Schokolade her. Zucker.
Als ich alles gegessen habe, stehe ich auf, stelle alles an seinen alten Platz zurück, wasche das Geschirr ab  und entsorge das Schokoladenpapier.
Ich gehe zurück in mein Zimmer und lege mich in mein Bett. Immer noch bin ich alleine, doch ich fühle mich schon nicht mehr ganz so leer. 

Ich öffne die Schublade desselben Nachttischs und hole eine Tafel Schokolade heraus. Bevor irgendjemand im Raum blinzeln kann, ist sie verschwunden - Wunder, Wunder. Haha, da ist ja niemand.
Und da verstehe ich es auf einmal. Die Verzweiflung mit der ich immer etwas Besonderes zu sein versuchte, sie ist in Wirklichkeit die Verzweiflung, mit der ich geliebt werden wollte. Ich möchte nicht allein sein, nicht zurückgelassen und vergessen, und ich wollte es nie. Aber wer besonders ist, wird nicht zurückgelassen.
Ich bin es nicht, deswegen bin ich hier, alleine.

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